Geschichte von Koblenz
von Christophe Seiler, Koblenz
Koblenz gehört zu den wenigen Aargauer Gemeinden, deren Namen einen eindeutig römischen Ursprung haben. Die Lage an der Mündung der Aare in den Rhein gab dem Ort seinen Namen. Lateinisch «confluentia» bedeutet nichts anderes als «Zusammenfluss». Im «Ischlag» wurden Reste der Badeanlage eines römischen Gutshofes gefunden, der vom 1. bis ins 4. nachchristliche Jahrhundert besiedelt war. Ferner legten Archäologen in der «Rütenen» die Grundmauern eines römischen Wachtturmes frei; ein solcher soll ebenso im «Frittelhölzli» bestanden haben. Das wichtigste und heute im Gemeindebann zugleich einzige noch im Gelände sichtbare Zeugnis aus römischer Zeit ist jedoch der wahrscheinlich 371 n. Chr. erbaute Wachtturm an der einzigartigen, weitgehend unberührt gebliebenen Flusslandschaft «Laufen». Sein Name «summa rapida» (oberste Stromschnelle) ist durch eine Inschrift am Turm selbst überliefert.
Ob seit der Römerzeit bis in die Gegenwart durchgängig Menschen innerhalb der heutigen Koblenzer Gemeindegrenzen siedelten und lebten, ist fraglich und nicht nachweisbar. Schriftliche und archäologische Zeugnisse fehlen seit dem späten 4. Jahrhundert bis zum Ende des 1. Jahrtausends nach Christus gänzlich. Erst im Zurzacher Mirakelbuch von ca. 1010, das Aufzeichnungen über wunderbare Vorgänge an diesem Wallfahrtsort enthält, ist Koblenz erstmals schriftlich erwähnt: Nachdem das Verenamünster des feuchten und weichen Geländes wegen eingestürzt war, beorderte der Abt des Klosters Zurzach Männer nach Koblenz, die dort aus der Aaremündung für den Neubau der Kirche solide Steine herbeischaffen sollten. Erste im engeren Wortsinn urkundliche und gleichzeitig zunehmend eingedeutschte Belege stammen dagegen erst aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts (1265: Cobilz, 1269: Copoltis, 1281: Kobelz usw.).
Die Herrschaft, die im hohen Mittelalter zunächst in den Händen der Freiherren von Klingnau lag, wurde 1269 zusammen mit derjenigen über Klingnau an das Bistum Konstanz übertragen. 1415 gelangte das Dorf unter eidgenössische Oberhoheit und somit unter die hohe Gerichtsbarkeit des Landvogts in Baden. Viele auswärtige geistliche und weltliche Herren besassen zudem Rechte und Güter in Koblenz, beispielsweise die Benediktinerklöster St. Blasien und St. Gallen, das Wilhelmitenkloster Sion (Klingnau), die Johanniterkomturei Leuggern, die Freiherren von Bernau usw. Wie andernorts waren die Rechts- und Besitzverhältnisse weit über das Mittelalter hinaus sehr kompliziert und überdies dauernden Schwankungen unterworfen.
Im frühen Mittelalter gehörte die Gemeinde kirchlich zur Urpfarrei Zurzach. Seit der Gründung der Pfarrei Klingnau um die Mitte des 13. Jahrhunderts ging man jedoch dorthin zur Kirche. 1305 ist erstmals die der heiligen Verena geweihte Dorfkapelle erwähnt. Sie verbrannte in der verheerenden Feuersbrunst von 1795, die zwar «nur» zwei Knaben das Leben kostete, aber ganze 54 Häuser und damit den Grossteil des Dorfes einäscherte. 335 Personen aus 66 Haushaltungen wurden obdachlos. Eine Sammlung in der ganzen Eidgenossenschaft linderte die Not. Die Kapelle wurde 1797 wiederaufgebaut. Aber erst 1814, als in Klingnau eine tödliche Typhusepidemie herrschte, wurde in Koblenz selbst eine Zeit lang jeden Sonntag Gottesdienst gehalten. Als nach dem Abflauen der Krankheit die Koblenzer wieder nach Klingnau zur Kirche gehen mussten, begann ein über hundertjähriger Kampf um einen eigenen Pfarrer und den regelmässigen Gottesdienst im eigenen Dorf. Nach langen, aufreibenden Bemühungen um die Errichtung einer eigenen Pfarrei kam die Lostrennung von Klingnau schliesslich 1927 zustande. 1959 wurde eine neue katholische Kirche errichtet. Der Zuzug von Protestanten führte 1926 zur Gründung der reformierten Kirchgenossenschaft Koblenz und 1940 zum Bau einer reformierten Kirche. Ab 1989 bestand in der Gemeinde ein Gebetsraum für die bosniakisch-islamische Gemeinschaft. 2022 konnte diese von den «Zeugen Jehovas» das seit 1985 als Kirche dienende Gebäude an der Gütschhalde erwerben und zu einer Moschee umwandeln. Infolge des allgemeinen gesellschaftlichen Wandels durch Säkularisierung, Individualisierung und Migration haben die Landeskirchen wie vielerorts ihre einstige Vorrangstellung eingebüsst. Bekannten sich 1980 noch 95% der Koblenzer Bevölkerung zum katholischen oder reformierten Glauben, so waren es 2022 nur noch 43%. Dies ist der tiefste Wert im Bezirk Zurzach.
Die Bevölkerung lebte bis in das 19. Jahrhundert neben der Landwirtschaft wesentlich vom Fährdienst, der Schifferei und der Fischerei. Aufgrund alter Vereinbarungen gehört übrigens das Koblenzer Fischereirecht, die letzte verbliebene Privatfischenz auf Aargauer Rheingebiet, bis heute den Ortsbürgern und nicht wie sonst üblich dem Kanton. Bereits im Mittelalter bestand eine Fähre, die in wechselndem auswärtigen Besitz war. Das Fahrrecht stand jedoch nur Bürgern der Gemeinde zu. Überregional bedeutend war die Koblenzer Schiffergenossenschaft der «Stüdler». Diese profitierte vom grossen Güterumschlag der nahen Zurzacher Messe und übte jahrhundertelang das einträgliche Transportmonopol für einen Grossteil der Waren aus, die per Schiff über den gefährlichen Laufen rheinabwärts transportiert werden mussten.
Durch die aufkommenden Eisenbahnen und die Auflösung der Zurzacher Messe verlor der Fluss seine Bedeutung als wichtigste Existenzgrundlage. 1858 löste sich die Stüdler-Genossenschaft auf, die noch in den 1840er Jahren über 60 Mitglieder gezählt hatte. Wie fast überall in der Schweiz geriet zudem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in unserer Region die Landwirtschaft in eine schwere Krise. Schiene und Strasse ermöglichten den Import billiger Landwirtschaftsprodukte, wodurch die Getreidepreise zusammenbrachen. Der Umstieg auf Viehzucht und Futterbau war jedoch für den wie andernorts typischen Klein(st)bauern unrentabel, dessen Land aufgrund von Erbteilungen und als Folge der früheren Dreizelgenwirtschaft erst noch völlig zersplittert war. Ein starker Bevölkerungsschwund und die Abwanderung in die Industrie waren die logische Folge. Wie fast im ganzen Bezirk Zurzach schrumpfte die Bevölkerung zwischen 1850 und 1900 um über 20 Prozent, von 709 auf 554 Einwohner. Entsprechend lange dauerte der Auf- und Ausbau der dörflichen Infrastruktur. Technische Neuerungen wie Telefon/Telegraf (1895), Wasser- (1913) und Elektrizitätsversorgung (1915) hielten in Koblenz relativ spät Einzug. Dafür stellte die Güterregulierung von 1912 bis 1914 eine vergleichsweise frühe und beachtliche Leistung dar.
Eine Schultätigkeit in Koblenz ist erstmals 1680 bezeugt, aber erst seit 1820 wurden die Kinder nicht mehr in der Wohnung des Lehrers, sondern in einem neu erstellten Schulhaus unterrichtet. 1903 wurde die Gesamtschule in eine Unter- und Oberschule aufgeteilt und erforderte zwei, mit Einführung der Mittelstufe 1944, drei Lehrkräfte. Heute verfügt Koblenz nebst dem Kindergarten über eine Primarschulabteilung.
So unumkehrbar Bahn und Auto die Schifffahrt zum Erliegen gebracht hatten, so sehr begann man anderseits in Koblenz auch von den neuen Verkehrsmitteln zu profitieren. Bereits 1859 wurde die Bahnlinie Turgi–Koblenz–Waldshut eröffnet. Die zu diesem Zweck erstellte Eisenbahnbrücke nach Waldshut hatte Pioniercharakter und war die erste überhaupt zwischen Chur und Mainz. Schon sahen Optimisten Koblenz als wichtigen Zwischenhalt auf einer noch zu erbauenden Schnellzugsverbindung von Hamburg nach Genua. Solche Ambitionen zerschlugen sich zwar relativ rasch. Trotzdem entwickelte sich die Gemeinde mit den neuen Bahnlinien nach Winterthur (1876) und Stein (1892) sowie mit den Strassenbrücken über Rhein (1932) und Aare (1936) zum Vierbrückendorf und zum überregionalen Verkehrsknotenpunkt. Die Eisenbahnbrücke nach Waldshut ist auch ein bedeutendes industriearchäologisches Zeugnis, das dank regelmässiger Instandhaltungsarbeiten, letztmals in grösserem Umfang 2023, aller Voraussicht nach noch manches Jahrzehnt im Einsatz sein wird. Aus bescheidenen Anfängen stieg das Strassenzollamt Koblenz zum bedeutendsten aargauischen Grenzübergang auf und ist heute bezüglich Privatwarenverzollungen der grösste Zoll zwischen Basel und Schaffhausen.
Die Grenzlage erwies sich in mancherlei Hinsicht auch als nachteilig. Im Ersten (1917) wie im Zweiten (1945) Weltkrieg wurde Koblenz beispielsweise von Kampfflugzeugen beschossen. Obwohl besonders das versehentliche alliierte Bombardement von 1945 beträchtliche Sachschäden anrichtete, wurde wie durch ein Wunder niemand verletzt. Dieses Ereignis wurde von den beiden Koblenzern Kuno Gross und Rudolf Meier detailliert dokumentiert. Ihr Buch von 2016 ist via Gemeindekanzlei verfügbar.
Die Gemeinde verzeichnete von 1900 bis 1990 das drittstärkste Bevölkerungswachstum aller Gemeinden des Bezirks Zurzach, ist allerdings seither im Unterschied zu fast allen übrigen Zurzibieter Gemeinden kaum noch gewachsen. Die starke Zuwanderung vor allem von Bahn- und Zollangestellten gab dem Ort im 20. Jahrhundert ein eigenes Gepräge, und die sozialdemokratische Partei wurde zu einer vergleichsweise starken politischen Gruppierung. Dies hat sich geändert. Seit mehreren Jahrzehnten wird in Koblenz wie in den meisten übrigen Gemeinden der Region vorwiegend rechtsbürgerlich gewählt und abgestimmt. Der demografische Wandel zeigt sich eindrücklich im Zahlenverhältnis zwischen Ortsbürgern und Zugezogenen. Stellten die Ortsbürgergeschlechter der Binkert, Blum, Gassler, Kalt, Meier, Müller, Schweri, Wink(ler) noch um 1900 über zwei Drittel aller Einwohner, so ist ihr Anteil heute auf deutlich unter zehn Prozent geschrumpft. Koblenz ist auch zu einem Schmelztiegel der Nationen geworden. Mit einem Ausländeranteil von 43% (Stand 2022) gehört die Gemeinde zusammen mit Döttingen, Böttstein und Leibstadt zu den zehn multikulturellsten aller 212 Aargauer Gemeinden.
Mit dem Bevölkerungswachstum änderte sich zwangsläufig das Siedlungsbild, eindrücklich und umfassend vor allem in der Nachkriegszeit. Waren bis anhin praktisch nur die Landstreifen am Rhein- und Aareufer besiedelt, wurden nun in rascher Folge landeinwärts die terrassenförmigen, zum Achenberg ansteigenden Plateaus erschlossen. Allein zwischen 1945 und 1990 verdreifachte sich die Zahl der Wohngebäude. Die wichtigsten Gemeindebauwerke dieser Zeit sind Schulhaus (1956/1970), Gemeindehaus und Kindergarten (1963), Friedhof (1969) und die Abwasserreinigungsanlage ARA (1981). Angesichts der rasanten gesellschaftlichen Veränderungen ist es geradezu erstaunlich, dass sich ein Dorfbewusstsein bewahrt hat. Verschiedenste Vereine aus Sport, Musik, Gesang und weiteren Aktivitäten bilden als Träger der Ortskultur einen starken Kitt und ermöglichen auch ausserordentliche Anlässe wie zum Beispiel das grosse Dorffest von 2015 oder das Engagement an den seit 2005 im Zweijahresturnus stattfindenden grenzüberschreitenden Kulturnächten. In den letzten Jahren sind neue Dorfanlässe entstanden, so der Frühlings- und Weihnachtsmarkt oder der multikulturelle Festschmaus (Streetfood-Festival).
Koblenz ist nicht nur Wohnort. Die Gemeinde zählte 2020 in 95 Arbeitsstätten 542 Arbeitsplätze. Die hiesige Wirtschaftsstruktur war lange Zeit geprägt durch den mit Abstand grössten lokalen Arbeitgeber, den Bürostuhlhersteller Stoll Giroflex. Nach dessen Übernahme durch den norwegischen Möbelkonzern Flokk 2017 erfolgte 2021 allerdings die überraschende Schliessung des Standorts Koblenz, verbunden mit dem schmerzlichen Verlust von über 100 Arbeitsplätzen im Ort. Grössere Arbeitgeber sind heute die Verzollungsagenturen.
Seit den Achtzigerjahren ist der Verkehr ein Dauerthema. Die 1987 auf einem Damm erstellte Nordumfahrung entlastete den Dorfkern wesentlich. Zusätzlich bietet der Damm Schutz vor Überschwemmungen, unter denen das Dorf bis anhin jahrhundertelang zu leiden gehabt hatte. Die Nordumfahrung konnte aber das Problem des stetig zunehmenden Grenzverkehrs nicht lösen. Auch die 2014 auf der schweizerischen und deutschen Rheinseite realisierten Massnahmen zur Verbesserung des Verkehrsflusses hatten nicht den gewünschten Effekt, da Verkehr weiter zunahm. Kontrovers diskutiert wird die Idee eines zusätzlichen Brückenübergangs Koblenz Ost.
Eine wesentliche Weiterentwicklung des öffentlichen Verkehrs war die 1987 eröffnete SBB-Haltestelle Koblenz-Dorf. Seither wurde der SBB-Fahrplan kontinuierlich ausgebaut. Heute ist der Halbstundentakt mit einer zusätzlichen Verdichtung in den Hauptverkehrszeiten eine Selbstverständlichkeit. 1994 wurde für den Personenverkehr die Bahnlinie Koblenz–Laufenburg auf Busbetrieb umgestellt. Dies zeigt, dass die Spiesse zwischen öffentlichem und privatem Verkehr nach wie vor ungleich lang sind. Infolge Automatisierung und Rationalisierung hat der Bahnhof Koblenz seit 2013 keinen bedienten Kundenschalter mehr.
Es ist eine allgemeine Tendenz, dass viele Aufgaben nicht mehr lokal bewältigt werden können. So wurden in den vergangenen Jahren auch in Koblenz diverse Bereiche regionalisiert, zum Beispiel der Zivil-/Bevölkerungsschutz (2003/2013), das Betreibungs- und Zivilstandswesen (2004), die Schuloberstufe (2005), das Polizeiwesen (2007), die Abwasserentsorgung (2010) und die Feuerwehr (2012). 2008 wurde die gemeindeeigene Elektrizitätsversorgung Elektra an die AEW Energie AG verkauft.
Stand: Juli 2023


